Gezogen statt Geschoben

„Vielleicht sind wir hier, um zu sagen: Haus, Brücke, Brunnen, Tor, Krug, Obstbaum, Fenster – aber auch: Säule, Turm.“

Rainer Maria Rilke

Eine Einladung, dem Inneren zu vertrauen – und zu spüren, wohin es uns zieht.

Gezogen statt Geschoben

Selbst wenn wir eine Zeitmaschine hätten, würden wir auch dann immer nur im Jetzt leben – im Jetzt der vermeintlichen Vergangenheit oder Zukunft, je nachdem, wohin uns die Maschine bringt. Man frage sich: Wann endet Zukunft und wird zur Gegenwart? Wann endet Gegenwart und wird zur Vergangenheit?

„Die Straßenszenen entstanden in den Jahren 1911 bis 1914. Es war eine der einsamsten Zeiten meines Lebens, in der ich in qualvoller Unrast Tag und Nacht durch die langen Straßen voller Menschen und Wagen wanderte.“

Ernst Ludwig Kirchner – Berliner Straßenszene, 1913

Das ist ein Hinweis darauf, was wir eigentlich als Zeit bezeichnen: das Setzen von Bewusstseinspunkten. Einen Punkt in einer Bewegung greifen wir – emotional aufgeladen! – willkürlich heraus. Diesen nennen wir Anfang, einen anderen nennen wir Ende. Deshalb haben wir den Eindruck, dass etwas vergehe. Aber es vergeht nichts, weil es immer nur einen Moment gibt: das Hier und Jetzt. Vergangenheit und Zukunft vergegenwärtigen wir uns höchstens und konstruieren sie just in diesem Moment im Hier und Jetzt. Wir kreieren etwas und machen es damit emotional erlebbar.

„Ich male nicht, was ich sehe, sondern was ich fühle.“

Erich Heckel – Männerbildnis, 1912

Wenn Zeit nur eine Illusion ist, dann ist auch das, was wir „Entwicklung“ nennen, vielleicht nicht das, was wir glauben. Vielleicht entsteht nichts wirklich Neues – vielleicht wird nur sichtbar, was schon immer da war.

Das ist der Kern eines Bewusstwerdungsprozesses: Wir erkennen, was schon vorhanden ist. Das Wort „Erkennen“ selbst trägt die Wahrheit in sich – es ist das Bewusstwerden von etwas, das schon einmal gekannt wurde. Wir folgen damit der apollinischen Aufforderung: „Gnothi seauton!“ – „Erkenne Dich selbst!“ Es ist das Erkennen dessen, was schon immer in uns angelegt war.

Die Maler der Brücke wussten das. Sie setzten sich hin – und malten, was in ihnen war. Nicht stundenlang, nicht mit akademischer Perfektion, sondern in wenigen Minuten, mit raschen Strichen, mit Farben, die aus ihnen heraussprudelten. Sie nannten es Viertelstundenakte. Ich nenne es: dem Inneren vertrauen. Die Leinwand wird zum Spiegel – und der Pinselstrich zur Antwort.

Ernst Ludwig Kirchner, einer von ihnen, malte 1913 die ‚Berliner Straßenszene‘. Keine ruhige Straße, kein gemächlicher Spaziergang – sondern Bewegung, Flirren, das Gefühl, mitten im Leben zu stehen.

Aus der Einsamkeit schuf er Bilder, die bis heute berühren. Nicht weil sie die Welt abbilden, sondern weil sie das Innere nach außen kehren.

Was wir Entwicklung nennen, ist ein Ent-wickeln, ein Auspacken dessen, was in uns schlummert. Merlin, der Druide, erklärte seine Magie damit, dass er sich das vorstellte, was er erfüllt haben will, und sich dann von dort anziehen ließ. Er sagte, er bewege sich in der Zeit rückwärts. Genau das meint Entwicklung: Wir werden von dem angezogen, was wir noch nicht sind, weil es in uns schon angelegt ist.

„Der Künstler schafft, seinem Instinkt folgend, das Werk. Er selbst steht überrascht davor.“

Emil Nolde – Mondnacht, 1910

Und da zeigt sich etwas Grundlegendes: Wir werden nicht geschoben – wir werden gezogen. Alles Lebendige folgt diesem Prinzip. Die Pflanze wächst nicht mühsam in die Höhe; sie wird vom Licht angezogen. Der Fluss sucht nicht seinen Weg; er wird vom Meer angezogen. Und wir? Wir spüren es in jedem Moment, in dem wir uns entscheiden: Ist es ein Weg des Widerstands, des Müssens, des ‚Ich sollte‘ – oder ein Weg der Leichtigkeit, der Anziehung, des ‚Ich will‘?

Entwicklung ist kein Aufstieg unter Last. Es ist das Sichtbarwerden dessen, wohin wir schon immer unterwegs waren – weil es uns von innen her anzieht.

Es ist wie das Auspacken eines Geschenkes. Wir wickeln das Papier ab, öffnen den Karton – und treffen auf eine Überraschung, die nur deshalb eine ist, weil wir vergessen hatten, was schon immer in uns lag.

Inwiefern hat diese Erkenntnis Relevanz für unser eigenes Leben? Eine große! Denn sie kehrt unser Verständnis von Realität vollkommen um. Der Physiker Hans-Peter Dürr hat es einmal so ausgedrückt: „Materie sind geronnene Gedanken.“ Das Geistige geht dem Materiellen voraus. Realität, wie wir sie individuell erleben, ist der Spiegel unseres Bewusstseins.

Kennst du das Gefühl, wenn du eine Entscheidung triffst und plötzlich spürst: „Ja, das ist es!“? In diesem Moment hast du nichts Neues geschaffen – du hast dich erinnert. An etwas, das schon immer in dir war.

Oder denk an einen Traum: Im Traum sind wir überzeugt, dass das, was wir erleben, wirklich geschieht. Erst beim Erwachen merken wir: Es war eine Konstruktion unseres Bewusstseins. Vielleicht ist unser waches Leben nicht so anders – nur in einer anderen Dichte.

Ernst Ludwig Kirchner - Badende (in Bewegung) 1910 1

„Der Traum ist die einzige Wirklichkeit, die mir bleibt.“

Ernst Ludwig Kirchner -Badende (Figuren in Bewegung), 1910

Letztendlich verweisen meine Überlegungen darauf, worin Lebenskunst besteht. Sie besteht darin, sich bewusst zu machen, dass das Geistige viel realer ist als der Stuhl, das Auto oder das Haus, die ich mit meinen fünf Sinnen wahrnehme – und es unbewusst zu leben.

Vielleicht ist das Bewusstsein nicht etwas, das wir haben, sondern etwas, das wir sind – und in dem wir uns allmählich erkennen.

 „Das Auge, mit dem ich Gott sehe, ist dasselbe Auge, mit dem Gott mich sieht.“

(Meister Eckhart)

Und dieses Leben findet immer JETZT und HIER statt. Oder, wie man es im Zen-Buddhismus sagt: Der Weg ist das Ziel. Bewusstsein ist demzufolge kein passiver Zustand, sondern ein aktiver Prozess. Das macht deutlich, warum es unmöglich ist, Zeit zu haben – wir können sie uns nur nehmen.

„Die Gestalt, die in uns wohnt, muss befreit werden.“

(Ernst Ludwig Kirchner)

Dein Frank

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