FAUST
Eine persönliche Annäherung
Zueignung
Erinnerung, Resonanz und die Entstehung von Wirklichkeit
Ein Anfang, der noch vor dem Anfang liegt
Goethes Faust beginnt nicht mit Faust. Bevor wir Faust begegnen, begegnen wir einem lyrischen Ich, das sich erinnert. Die „Zueignung“ wirkt zunächst wie eine Widmung an vergangene Gestalten, an verlorene Menschen und an eine längst vergangene Zeit. Doch man kann sie auch anders lesen. Als den ersten Schritt einer Lebens- und Erkenntnisbewegung, die sich durch das gesamte Werk ziehen wird.
Ich möchte den Faust deshalb nicht in einem Zug „erklären“. Mich interessiert vielmehr, was sichtbar wird, wenn man langsam vorgeht und zunächst nur die Zueignung betrachtet. Die späteren Teile – „Vorspiel auf dem Theater“, „Prolog im Himmel“ und schließlich die eigentliche Faust-Handlung – sollen erst später folgen.
Eine andere Frage an die Zueignung
Die literaturgeschichtliche Lesart verweist auf Goethes eigene Vergangenheit, auf die Entstehung des Faust-Stoffes, auf frühere Freunde und auf verlorene Menschen. Das ist eine wichtige Ebene. Meine Frage ist jedoch eine andere. Könnte die Zueignung zugleich als innere Entwicklungsgeschichte eines Menschen gelesen werden?
Dann wären die „schwankenden Gestalten“, die sich dem Blick wieder nähern, nicht nur Figuren aus Goethes persönlicher Vergangenheit. Sie könnten für frühere Wahrnehmungsweisen stehen – für Zeiten, in denen die Welt noch anders erfahren wurde, bevor sie durch Begriffe, Erwartungen und gesellschaftliche Übereinkünfte festgelegt wurde.
Das ist keine Behauptung darüber, was Goethe „eigentlich“ gemeint hat. Es ist eine persönliche Lesart. Sie nimmt den Text als Erfahrungsraum und fragt, welche Entwicklung des Bewusstseins sich darin erkennen lässt.
Vier Bewegungen
- Frühe Wahrnehmung: Die Welt erscheint als Gestalt, bevor sie vollständig begrifflich geordnet ist.
- Beziehung und Werden: Menschen treten in das Leben, Beziehungen entstehen, und aus Begegnungen wird Biografie.
- Verlust und Entfremdung: Menschen verschwinden. An die Stelle persönlicher Resonanz tritt die „unbekannte Menge“.
- Verwandlung: Der Verlust führt nicht einfach zurück, sondern verändert die Wahrnehmung: Das Vergangene beginnt erneut Wirklichkeit zu werden.
„Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten!“
Schon der erste Vers ist für diese Lesart entscheidend. Die Gestalten „nahen“ sich „wieder“. Sie sind nicht neu. Sie waren bereits einmal da. Etwas, das vergangen schien, kehrt zurück.
Man kann darin autobiografische Erinnerung sehen. Man kann aber auch einen allgemeineren Vorgang erkennen. Das Bewusstsein verliert bestimmte Formen der Wahrnehmung und kann sie später wiederentdecken.
Besonders interessant wird das, wenn man an frühe Kindheit denkt. Ein kleines Kind lebt zunächst in einer Welt, die noch nicht in der Weise begrifflich geprägt ist, wie sie es später sein wird. Das bedeutet nicht, dass ein Kind „nichts weiß“ oder „nichts zu sagen hat“. Vielmehr erlebt es, bevor es das Erlebte vollständig sprachlich und begrifflich in das System seiner Gesellschaft einordnen kann.
Sprechen beginnt nicht mit dem Wort, sondern mit dem Klang
Von hier aus führt die Überlegung unmittelbar zur Sprache. Bevor ein Kind ein Wort verwendet, gibt es Laut, Stimme, Rhythmus, Schreien, Lachen, Lallen. Es produziert einen Klang – und die Welt antwortet.
Das Kind erlebt damit etwas Grundlegendes: Ich erzeuge einen Laut. Etwas außerhalb von mir reagiert. Diese Reaktion ist angenehm, unangenehm, überraschend oder beruhigend. Der Laut wird wiederholt. Aus Wiederholung entsteht Erwartung. Aus Erwartung kann Bedeutung entstehen.
Aber wer sagt, dass hinter den frühkindlichen Lauten nicht doch eine Bedeutung liegt. Es sind Äußerungen, die wir nicht verstehen, aber viel näher an dem, wie das Kleinkind seine Welt sieht.
Das ist keine vollständige wissenschaftliche Theorie des Spracherwerbs. Es ist ein philosophisches Modell, das für die Rolle von Resonanz sensibilisieren kann.
Die Äolsharfe
Damit sind wir wieder bei einem der rätselhaftesten Bilder der Zueignung: „mein lispelnd Lied, der Äolsharfe gleich“.
Eine Äolsharfe erzeugt den Wind nicht. Sie kann aber durch den Wind zum Klingen gebracht werden. Genau darin liegt für mich die doppelte Bedeutung des Bildes.
Einerseits kann das „lispelnde Lied“ ein Bild des Verwehens sein. Der Dichter spricht, aber seine Worte finden vielleicht keine vertraute Resonanz mehr. Die Menschen, mit denen er einst im inneren Austausch stand, sind verschwunden. Die, die blieben, verstehen ihn nicht.
Andererseits kann die Äolsharfe gerade deshalb ein Bild des Dichters sein. Er ist Resonanzkörper für die Stimme des Göttlichen, des Aiolos, dem Windgott und Günstling der Götter. Dieser kommt durch ihn zum Klingen.
Der Dichter besitzt keine Wahrheit. Er ist das Medium, durch welches sich das Urprinzip verkündigt.
Das strenge Herz wird mild
Die vierte Strophe scheint eine entscheidende Verwandlung zu beschreiben.
„Das strenge Herz es fühlt sich mild und weich; / Was ich besitze seh ich wie im Weiten, / Und was verschwand wird mir zu Wirklichkeiten.“
Hier verändert sich nicht nur die Erinnerung. Es verändert sich der Blick auf die Gegenwart. Das, was gegenwärtig vorhanden ist, verliert seine Be-Deutung, „was ich besitze“ entfernt sich. Umgekehrt wird das Verschwundene wieder Gegenwart.
Das ist für mich der entscheidende Punkt. Erinnerung ist hier nicht bloß Rückblick. Sie bringt die Wirklichkeit wieder hervor.
Von der Erinnerung zur Realität
Damit berühren wir eine Unterscheidung, die für meine weitere Betrachtung des Faust wichtig sein wird. Realität und Wirklichkeit sind für mich nicht dasselbe.
Mit „Realität“ meine ich die Welt, wie sie sich für Menschen als feststehend, benannt, vereinbart und selbstverständlich darstellt. „Wirklichkeit“ bezeichnet dagegen ein tiefer liegendes Prinzip, aus dem diese Realität hervorgehen kann.
Eine Idee kann ein inneres Bild erzeugen. Ein inneres Bild kann zu einer Zeichnung werden, eine Zeichnung zu einem Bauplan und der Bauplan zu einem Haus. Eine Idee kann in Konstruktion übergehen und zum Auto werden. Eine gemeinsame Idee kann Menschen verbinden und einen Verein hervorbringen.
Was entsteht ist Realität und wie es entsteht Wirklichkeit.
Glauben als schöpferische Kraft
In diesem Zusammenhang bekommt auch das Wort „Glauben“ seine eigentliche Bedeutung zurück.* Gemeint ist nicht religiöser Glaube und auch nicht das Für-wahr-Halten einer Aussage. Gemeint ist die Kraft einer Vorstellung, die so wirksam ist, dass sie Realitäten erschafft.
Eine einzelne Idee bleibt zunächst Möglichkeit. Der Einzelne beginnt sie umzusetzen. Wird sie von mehreren Menschen geteilt, kann daraus Zusammenarbeit entstehen. Zusammenarbeit kann eine Institution, ein Werk, ein Gebäude oder eine soziale Ordnung hervorbringen.
Wirklicher Glaube ist realitätsbildend. Je stärker der Glaube, um so schneller dessen Realisierung.
* Der Gelaube = „vertrauensvolles Gelob des Lieben“; zu nhd. ‚lauben‘, ‚er-lauben‘, ‚ge-loben‘ und ‚lieben‘.
Geschichte und Geschichten
Damit verändert sich auch der Blick auf Geschichte. Was geschehen ist, und was wir heute über das Geschehene wissen, sind nicht identisch.
Von vielen historischen Personen und Ereignissen besitzen wir keine unmittelbare Aufzeichnung. Wir haben Überlieferungen, Abschriften, Fragmente, Zitate, Übersetzungen und spätere Rekonstruktionen. Von Aristoteles besitzen wir beispielsweise keine von seiner eigenen Hand überlieferte Originalhandschrift.
Daraus folgt nicht, dass Aristoteles nicht existiert hat. Aber es zeigt, dass zwischen vergangenem Geschehen und unserer heutigen Vorstellung davon eine lange Kette von Vermittlungen liegt. Was davon geschehen ist weiß keiner.
Geschichte ist nicht, was geschehen ist, sondern was wir glauben, was geschehen ist.
Geschichte sind Geschichten. Sie sind, was Menschen meinen zu erinnern. Wie „wackelig“ das Ganze ist, zeigen uns z.B. der Maharishi-Effekt und der Mandela-Effekt.
Das Wort und die Welt
Von hier aus lässt sich eine Verbindung zu einer uralten religiösen Vorstellung herstellen, der Idee, dass das Wort schöpferisch ist. „Es werde Licht“ ist nicht die Beschreibung einer bereits fertigen Welt. Das Wort ist im biblischen Schöpfungsbild selbst Teil des Hervorbringens.
Die Formel „Abrakadabra“, welche der Magier als Einstiegsformel für seinen Zauber verwendet, kommt aus dem Altaramäischen und bedeutet „Ich erschaffe, indem ich spreche“. Sprechen ruft Wirkung hervor und damit ist Sprache ein Schöpfungsakt.
Babel – wenn die Resonanz verloren geht
Von hier aus erhält auch die Geschichte vom Turmbau zu Babel eine ganz andere Bedeutung. Man kann sie nicht nur als Erklärung für die Vielfalt der Sprachen lesen, sondern als Bild für den Verlust gemeinsamer Resonanz. Einen Turm zu Gott bauen bedeutet, dem Materialismus zu verfallen. Er verortet etwas in Raum und Zeit und kehrt damit die Wirkungskette des Lebens um. Gott wird damit von der Welt, vom Ich, getrennt gesehen. Er ist nicht mehr Ursache und in Allem, sondern Mitspieler. Aber „du sollst dir kein Bild von Gott machen“. Er ist keine Person, die man verorten kann, sondern das Grundprinzip allen Seins. Gott ist im Himmel ist ein Gleichnis. Denn das Universum (der Himmel) steht für ‚Ordnung‘, also ‚κόσμος‘ (altgr.). Es ist die göttliche Ordnung. Im Tanz der Planeten miteinander, wird dieses Prinzip deutlich.*
Die individuelle Sichtweise auf seine Welt (nichts anderes ist möglich), spiegelt sich in seiner Sprache wider. Alle sprechen. Aber die Worte werden nicht mehr mit der selben Bedeutung belegt. Sie werden plötzlich individuell interpretiert. Die Verbindung zwischen Klang, Erfahrung und gemeinsam geteilter Welt zerbricht.
Alle sprechen, aber keiner versteht den anderen mehr.
Dann wäre die eigentliche Katastrophe nicht die Verschiedenheit der Wörter, sondern der Verlust einer gemeinsamen Wirklichkeit hinter den Wörtern. Nicht unterschiedliche Sprachen, sondern unterschiedliche Bedeutung der Wörter innerhalb der selben Sprache.
* In einem späteren Artikel werde ich darauf noch etwas näher eingehen.
Zurück zur Zueignung
So beginnt sich für mich die Zueignung als viel mehr, als eine persönliche Widmung zu öffnen.
Sie kann gelesen werden als Bewegung vom Erlebten zur Erinnerung, von der Erinnerung zur Resonanz und von der Resonanz zu einer veränderten Wirklichkeit.
Das verlorene Vergangene wird nicht einfach zurückgeholt. Es wird verwandelt. „Was verschwand wird mir zu Wirklichkeiten.“
Vielleicht liegt darin eine der Grundbewegungen des gesamten Faust. Der Mensch glaubt zunächst, er müsse immer mehr wissen. Dann entdeckt er, dass Wissen allein nicht genügt. Er muss erfahren, erleben, sich verwandeln. Und möglicherweise muss er am Ende sogar lernen, die Wirklichkeit wieder wahrzunehmen, die unter seinen um- oder vorgeformten Begriffen verborgen war.
Ein erster Ausblick
Wenn diese Lesart trägt, dann könnte die Zueignung der erste Schritt einer größeren Bewegung sein:
Zueignung – der Mensch und seine Entwicklung
Vorspiel auf dem Theater – die gemeinsam erzeugte Realitä
Prolog im Himmel – der größere Zusammenhang der Wirklichkeit
Faust – die Erfahrung und Prüfung dieses Zusammenhangs
Doch das sind Fragen für die nächsten Schritte. Zunächst genügt die Zueignung.
Denn vielleicht beginnt Goethes Faust genau dort, wo ein Mensch innehält, zurückblickt – und plötzlich entdeckt, dass das Vergangene nicht tot ist.
Es kann wieder klingen.
Dein Frank

